Wikinger in Böhmen

Unser Autor Dipl. Historiker Lutz Mohr hat sich mit einem kaum bekannten und erforschten Kapitel der frühen Heimatgeschichte der Oberlausitz und der Wikinger zugewandt.

Wikinger in Böhmen und der Oberlausitz


Kühne Seefahrer und gefürchtete Krieger

Es ist sicherlich ungewöhnlich, wenn man die Wikinger als Vorfahren der heutigen Nordeuropäer mit der Oberlausitz in Verbindung bringt. Aber es lässt sich nicht zu leugnen, diese ungestümen und expansiven Nordländer haben vor über 1000 Jahren als Krieger und Händler auch die Gebiete des späteren Böhmens, der Oberlausitz und Schlesiens aufgesucht und dort auch ihre Spuren hinterlassen. Interessant ist auch zu wissen, dass die Wikinger auch schriftlich in Form ihres „Runen-Alphabets“ kommunizieren konnten. Die Wikinger als die überragenden Seefahrer und Seekrieger jener Zeit haben nicht nur die Küsten Europas aufgesucht, sondern auch die Färöer, Island, Grönland und Nordostamerika entdeckt. Die Flüsse, die in slawische Gebiete an der südlichen Ostseeküste und deren Hinterland führten, kannten sie bestens. Denn sie waren auch Meister des Schiffbaus; sie verwendeten schlanke hölzerne Schiffe und Boote differenzierter Bauart mit und ohne Segel. Daraus ist zu schlussfolgern, dass sie über die Elbe, Oder und Neiße sowie Weichsel in die von slawischen Völkern genannten Regionen vorstießen. Neben ihrem seemännischen Handwerk, beherrschten sie ähnlich den Madjaren auch das Reiten von Pferden hervorragend.  Zudem waren sie in der Lage, je nach der Geländebeschaffenheit  ihre Boote in einer Art Roll- und Gleittechnik weite Strecken über Land zu transportieren. Die Wikinger waren demzufolge  bestens gewappnet, fernab der See tief ins Binnenland fremder Völkerschaften und Stämme einzudringen.

Wikingerkurs: Elbe aufwärts nach Böhmen

So ist einer Nachricht zu entnehmen, dass die Wikinger nach Belagerungen von Hamburg und Magdeburg nach dem Jahre 929 auch die gegen die slawischen Stämme der späteren Oberlausitz errichtete Zwingburg Meißen angegriffen haben, die Feste jedoch nicht einnehmen konnten und erfolglos abzogen. Die dichten Waldgebiete Nordböhmens, der Oberlausitz und Schlesiens bedeuteten für sie kein Hindernis. Vereinzelte  archäologische Funde untermauern eine zeitweilige Anwesenheit der Wikinger. Im Mai 1902 gelangte das damalige Museum der böhmischen Stadt Leitmeritz, heute Litomerice am Zusammenfluss von Elbe und Eger,  in den Besitz eines angebrochenen und noch 0, 85 m langen eisernen  Wikingerschwertes, das bei Erdarbeiten als Beigabe eines Männergrabes im Osten der Stadt nahe des elbseitigen Hochrandes gefunden wurde. Die Forschung datiert diese Waffe in das 11. Jahrhundert als späten Typus der wikingischen Schwerter. Der Fundgegenstand und –ort erlauben den Historikern zwei mögliche Deutungen. Entweder gelangte die Wikingerwaffe durch nordische Händler ins Land, oder das Schwert gehörte zu einem Wikingerkrieger, der im Kampf mit den Elbslawen umkam und damit hier bestattet wurde.
Drei Jahrzehnte später, 1932 kam an einer Böschung im böhmischen Hainspach, heute Lipova, eine Zieraxt (Amulett) mit Runenzeichen zum Vorschein. Sie hatte der dortige Dentist gefunden. Die Runen konnten bisher nicht gedeutet werden, es scheint sich um magische Zeichen zu handeln. Da damit im Kontext auch eine kleine Reiterscheibe aus Bronze zutage trat, ist zu schlussfolgern, dass diese Ziergegenstände durch wikingische Händler zu unseren slawischen Vorfahren gelangten. Leider war der Fundort des 1939 erwähnten „Silberrings von Schluckenau“; heute Sluknov, der sicherlich wikingischer Herkunft war, schon damals nicht mehr zu ermitteln.

Nordische Händler an der Spree

An der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert müssen die Skandinavier gar bis in das altslawische Siedelland um Bautzen vorgedrungen sein. Im Südosten, in dem heute nicht mehr existenten Nimschütz bei Bautzen, das mit dem Bau der Spree-Talsperre geflutet wurde, etwa 400 Kilometer von der mecklenburgisch-vorpommerschen Ostseeküste entfernt, fand man 1973 bei der Durchforschung slawischer Siedlungsreste sogar ein wikingerzeitliches bronzenes Schwertortband aus dem späten 10. Jahrhundert, das anscheinend als Import schwedischer oder norwegischer Herkunft in die Oberlausitz gelangte. Der wikingerzeitliche Nimschützer Fund ähnelt denen, die auf der Insel Hiddensee oder in der slawisch-wikingischen Siedlung Menzlin an der Peene in Ostvorpommern entdeckt wurden. Da das Ortband als Import erkannt wurde, gilt es als sicher, das Wikinger die slawische Siedlung Nimschütz in friedfertiger Absicht als Händler aufsuchten, um hier zu feilschen oder gar längere Zeit zu verweilen. Das Erscheinen der Nordländer in unserer Heimat vor etwa 1000 Jahren bildete aber nur eine Episode, einen Einfluss auf die weitere geschichtliche Entwicklung der Region hatte sie nicht.
Dipl.-Hist. Lutz Mohr, Greifswald
Literaturverzeichnis:
  1. Josef Kern: Ein Wikingerschwert von Leitmeritz. In: Sudeta. Zeitschrift für Vor und Frühgeschichte, Reichenberg, Jg.11. Heft 1/1935.
  2. Leonhard Franz: Zum Runenfund von Hainspach: In: Zittauer Geschichtsblätter. 16. Jg. Nr. 5 vom Mai 1939.
  3. Wolfgang La Baume: Die Wikinger. In: Hans Reinerth (Hrsg.): Vorgeschichte der deutschen Stämme. Bd. 3: Ostgermanen und Nordgermanen. Berlin 1940.
  4. Werner Coblenz: Wikingerzeitliches Ortband in einer slawischen Siedlung von Nimschütz, Kr. Bautzen. In Ausgrabungen und Funde (AuF), Berlin. Bd. 20, Heft 2/1975.
  5. Uwe Schnall: Bibliographie der Runeninschriften nach Fundorten. Zweiter Teil: Die Runeninschriften des europäischen Kontinents. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Göttingen 1973.
  6. Lutz Mohr (Hrsg): Die Saga der Jomswikinger. Grimmen: Edition Pommern 2006.
  7. Lutz Mohr: Die Jomswikinger – Mythos oder Wahrheit. Elmenhorst: Edition Pommern 2009
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